Internetbörsen als Konkurrenz
Portfoliomanagement im Datennetz bedroht das Berufsbild der etablierten Banker
Von JÖRG BIRKELBACH
Nideggen - "Kann man an der Arizona Stock Exchange nur Aktien aus Arizona handeln?" lautet eine häufig gestellte Frage an die dortige Börse. Die schlichte Antwort ist nein, denn tatsächlich werden bereits mehr als 7500 Aktien an der Regionalbörse gehandelt (http://www.azx.com).
Immer mehr Börsen nutzen das Internet, um für ihre Dienste zu werben. Aber nicht nur allgemeine Informationen zu Marketingzwecken werden angeboten, auch Entscheidungshilfen für den Wertpapierkauf finden sich. Konkurrenz zu den traditionellen Börsen entsteht gerade in London. Dort wurde in der vergangenen Woche eine Aktienbörse im Internet eröffnet (http://www.esi.co.uk). Das Projekt wird getragen von der Computerfirma ESI und dem Discount Broker Sharelink. Geplant sind Funktionen, wie die Online-Plazierung von Kauf- und Verkauforders sowie Portfolio-Management, einschließlich Bewertung und Aktualisierung.
Nach Jahren der bürgerkriegsbedingten Abstinenz kehrt auch die Beiruter Börse zurück. Welche Aktien bereits gehandelt werden können, erfährt der Internet-Surfer unter http://www.lebanon.com/beirut/stocks.html. Auch die Zagreber Börse ist im Netz zu finden (http://www.zse.com.hr).
In die Reihe der exotischen Börsenplätze fügt sich auch Warschau ein. Hier gibt es Kurse zu einigen gehandelten Titeln, einen Service, den Anleger zu schätzen wissen, die bereits in diesem Markt investiert sind (http://info.fuw.edu.pl/pl/gielda.eng.html).
Eine Liste der im Internet abrufbaren Aktien findet sich bei http://www.money.com/exchanges (dabei kann es mitunter erforderlich sein, sich zunächst unter "http://www.money.com" einzuwählen). Die Aufstellung reicht von der Buenos Aires Stock Exchange mit 26 veröffentlichten Titeln über die Moscow Central Stock Exchange (3) bis hin zur Bolsa de Valores de Montevideo in Uruguay, die es immerhin auf einen Wert bringt. Interessant ist vor allem, daß detaillierte Auskünfte über die Aktien bereitgestellt werden.
Börsen wie die Toronto Stock Exchange stellen derzeit 688 Aktien, die London Stock Exchange knapp 1500 bereit, die Nasdaq bringt es auf rund 3500, die NYSE auf 2150 und die Tokyo Stock Exchange auf gut 1300 Werte. Insgesamt stehen damit annähernd Informationen zu knapp 10 000 Aktien zur Verfügung.
Tickersymbole von Aktien können unter http://www.interquote.com/help/master.html abgerufen werden. So bleibt einem die mühselige Suche nach dem Kürzel einzelner Werte erspart.
Die renommierten Börsen kämpfen um Marktanteile. Mit einer ständig größer werdenden Produktpalette und nicht zuletzt mit einer hohen Service- und Abwicklungsqualität will man die globalen Orderströme in Milliardenhöhe auf sich ziehen. Daß sich zu diesem Zwecke das Internet als ein global funktionierendes Kommunikationsmedium geradezu aufdrängt, haben einige Börsen erkannt und setzen es ein. Die Amex veröffentlicht neben Kursen der wichtigsten Werte auch ausführliche Marktberichte zum Aktien- und Optionsmarkt. Listen der Tagesgewinner und -verlierer sind ebenso vorhanden, wie Aufstellungen über die umsatzstärksten Titel (http://www.amex.com/).
Sind erst einmal alle geplanten Funktionen realisiert, dann werden die Visionen eines Portfolio-Managements im Internet Realität. Anleger können dann von jedem Platz der Erde ihre Portfolios einspielen und bewerten. Sie können ferner Szenarien konstruieren und Risikoanalysen durchführen. Und sie können ihre Entscheidungen per Mausklick in die Tat umsetzen.
Szenarien dieser Art beunruhigen die Portfolio- und Fondsmanager hierzulande. Sie spüren, daß ihnen in den Datennetzen eine Konkurrenz erwächst, die schwer greifbar und daher kaum einschätzbar ist. Gewinner wird in jedem Fall der Anleger sein, denn er kann zukünftig mit verbesserten Informationen und Service sowie niedrigeren Transaktionskosten rechnen.
Copyright: DIE WELT, 5.10.1995